Minimale Maennlichkeit

Figurationen und Refigurationen des Anzugs

By Nora Weinelt

[Text is in German] Ein modischer Mann - schon die Formulierung wirkt unpassend. Das ist kein Zufall, sondern historisch bedingt: Seit Ende der Aristokratie in Europa hat Mode immer das Andere der Moderne und damit das Andere der Maennlichkeit dargestellt. Waehrend die Frau sich herausputzte, um den Reichtum ihres Mannes der oeffentlichkeit zu praesentieren, trug er selbst schmucklose Dreiteiler in gedeckten Farben. Was damals als 'grosse maennliche Entsagung' galt, hat sich lange Zeit nicht wesentlich veraendert. Sinnbildlich fuer diese Entwicklung der Maennermode steht der Anzug als maennliches Kleidungsstueck par excellence, das in den letzten zweihundert Jahren kaum Veraenderungen unterworfen war. Minimale Maennlichkeit zeichnet die Geschichte des Anzugs vom Ende der europaeischen Aristokratie bis zu den juengsten Kollektionen der Designer Raf Simons und Hedi Slimane nach. Ihre schmal geschnittenen Designs bedeuten mehr als die Hinwendung zu einer androgynen aesthetik: Sie greifen auf Strukturprinzipien zurueck, die bis dato der Frauenmode vorbehalten waren. Damit ist der Anzug, vermutlich zum ersten Mal in seiner Geschichte, als Anti-Mode selbst modisch geworden. Der Essay zeigt, weshalb dem Anzug als Form seine Konstanz historisch eingeschrieben ist, und skizziert die gesellschaftliche und politische Dominanz eines 'maennlichen Prinzips' in der Mode. Schliesslich analysiert er die Veraenderungen des Anzugs in den letzten beiden Jahrzehnten und deren Auswirkungen auf ein zeitgenoessisches Maennerbild.


Publication Date: 5/16/2016
Format: Paper
ISBN: 9783958080171