Stadt als Palimpsest

Zur Wechselwirkung von Materialitaet und Gedaechtnis

By Julia Binder

[Text is in German] Der Mensch verdraengt, blendet aus und kehrt unter den Teppich, um handlungsfaehig zu bleiben. Unstimmigkeiten werden kaschiert, um vor sich selbst und vor Anderen identitaetsstiftende Kohaerenz verkoerpern zu koennen. Nichtsdestotrotz erscheint das laengst Verdraengte immer wieder an der Oberflaeche; die eigene Geschichte bestimmt die Wahrnehmung, das Denken und Handeln. Sie provoziert Konflikte mit Neuem und Unbekanntem. Ebenso verdraengen oder verbergen auf kollektiver Ebene Gesellschaften Bereiche der eigenen Geschichte, deuten sie um, setzen sie in neue Kontexte oder geben ihnen neue Formen. Gleich der vielfach beschriebenen antiken Papyrusrolle weist die Stadt als Palimpsest verschiedene historische Schichten auf. Wenn es schwerwiegende politische Zaesuren in der Vergangenheit gegeben hat, treten materielle Relikte dieser Regime als dissonante Stoerungen umso deutlicher in Erscheinung, werden als unpassend erlebt und sorgen fuer Irritation. Das Heute gibt Aufschluss ueber das Gestern. Erinnerungskonflikte tragen gleichsam die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Geschichte in sich und gewinnen somit an Bedeutung. Wie beeinflussen sich Gedaechtnis und Materialitaet an ehemaligen Orten von Diktaturen wechselweise? Mit Hilfe ausgewaehlter Fallbeispiele - die Berliner Mauer, der Gebaeudekomplex des ehemaligen DDR-Rundfunks in der Nalepastrasse, Berlin, und ehemalige Haft- und Folterzentren in Buenos Aires - kontrastiert Stadt als Palimpsest raeumliche Aushandlungen zu Gedaechtnis und moechte einen Beitrag dazu leisten, raum- und gedaechtnistheoretische Ansaetze zusammenzufuehren.


Publication Date: 10/8/2015
Format: Paper
ISBN: 9783958080249


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